Zuerst das Verbot der Landeerlaubnis für den türkischen Außenminister, dann wird der türkischen Familienministerin der Zugang zum Konsulat in Rotterdam verwehrt. Soweit die aktuellen Ereignisse in den Niederlanden. Auch in Deutschland sorgen Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsmitglieder für Irritationen. Zumal sie begleitet werden von höchst problematischen Vergleichen. Der türkische Präsident hatte Deutschland "Nazi-Methoden" unterstellt. "Faschistisch" seien die Niederländer, auch sie wurden als "Nazis" bezeichnet. "Es bringt kein Land weiter, wenn wir auf diesem Niveau kommunizieren", findet der Berliner Integrationsexperte Kazım Erdoğan.

Herr Erdoğan, wie können sich die Fronten plötzlich so verhärten?

Kazim Erdogan
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Der in der Türkei geborene Kazım Erdoğan ist ausgebildeter Psychologe und arbeitet als Integrationsexperte in Berlin. © picture alliance / dpa Fotograf: Florian Kleinschmidt

Kazım Erdoğan: Wenn man jahrelang nicht ausreichend für die Kommunikation getan hat, wenn man in diesem schönen Land seit 56 Jahren gelebt hat - aber nicht miteinander, sondern nebeneinander, durcheinander, gegeneinander operiert hat -, dann kann ein kleines Problem ganz schnell eskalieren. Und das, was sich jetzt abspielt, ist das Ergebnis der Fehler, die wir gemeinsam gemacht haben.

Was wären das für Fehler?

Erdoğan: Wir haben nicht miteinander gesprochen, sondern übereinander. Wir haben auch die Realität nicht so ernst genommen. Wir haben 50 Jahre lang behauptet, Deutschland sei kein Einwanderungsland - erst seit dem Jahr 2000 nehmen wir das zur Kenntnis. Wir haben 50 Jahre gemeinsam verloren. Die Menschen, die hierher geholt worden sind, wurden als Gastarbeiter bezeichnet. Sie kamen mit dieser Rolle ganz gut zurecht, weil sie zurückkehren wollten. Und so haben wir viel zu viel Zeit verloren. Auch nach 56 Jahren stelle ich fest, dass die Kommunikations- und Sprachlosigkeit Schule macht. Da müssen wir ganz schnell anfangen, neue Wege einzuschlagen.

Sie sind in Ihrem Verein "Aufbruch Neukölln" in Berlin zuständig für Integrationsfragen. Warum fühlen sich Türken, die länger als 30 Jahre in Deutschland leben, der Türkei so verbunden, dass es sich zu lohnen scheint, den türkischen Wahlkampf im Ausland zu führen?

Erdoğan: Das sind meistens Menschen, bei denen die nationalen Gefühle stärker geprägt sind. Der zweite Grund ist, dass sich nicht alle ihre Träume in Deutschland verwirklicht haben. Sie haben keine guten Schulabschlüsse, sie fühlen sich als Versager der Nation oder als Menschen dritter Klasse. Wenn man nicht erfolgreich geworden ist, sucht man immer nach Gründen, warum man sich benachteiligt oder nicht angekommen fühlt. Der entscheidende Punkt ist, dass wir mit unseren deutschen Landsleuten nicht genug reden, uns nicht genug unterhalten. Wir wohnen 35 Jahre lang im selben Haus - und begrüßen uns nicht. Die Kommunikationslosigkeit regiert. Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass viele Menschen sich nicht angekommen, akzeptiert oder wertgeschätzt fühlen. Wenn sie dann in die Türkei gehen und dort zwei, drei Wochen im Fünf-Sterne-Hotel Urlaub machen, denken sie, das sei das wahre Bild der Türkei. Um dem vorzubeugen, müssen wir so schnell wie möglich anfangen, zueinander zu finden und das "Wir-Gefühl" stärken. Das "Wir-Gefühl" fehlt - und daran müssen wir arbeiten.

In wenigen Tagen wird in den Niederlanden gewählt: Premierminister Rütte hat schon gesagt, er wolle, dass die Beziehungen zur Türkei sich wieder normalisieren. Die Nato will, dass sich die Situation beruhigt, Deutschland ist ebenfalls daran interessiert. Der türkische Staatspräsident scheint das zu hören, aber nicht wirklich davon beeindruckt zu sein. Wie kann das weitergehen? Mögen Sie eine Prognose wagen?

Erdoğan: Es ist sehr schwer, eine Prognose auszusprechen, aber ich habe Wünsche. Ich appelliere an alle beteiligten Länder, dass sie darauf achten, was sie sagen. Man sollte zehnmal überlegen, bevor man einen Satz bildet. Wir müssen etwas vom Gaspedal gehen und das allerletzte Wort auch ganz zum Schluss aussprechen. Es bringt kein Land weiter, wenn wir auf diesem Niveau kommunizieren. Ich hoffe, dass alle gesellschaftlichen Kräfte und Regierungen sich besinnen, dass wir wieder zueinander finden und aus dieser Entwicklung unsere Lehren ziehen können. Das wäre mein Wunsch.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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