Untersuchungen zufolge sind die Menschen mit türkischem Einwanderungshintergrund die größte Einwanderungsgruppe in Neukölln und in Deutschland am schlechtesten integriert. (Berlin, Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009) Durch Armut, Sprachdefizite, familiäre Probleme und fehlende Integration ist den Kindern dieser Familien in der Regel der Zugang zu Bildung und Arbeit erschwert. In vielen Familien sind die Deutschkenntnisse der Eltern lückenhaft. Die Familie spricht oft in der Sprache des jeweiligen Herkunftslandes. Aufgrund dieser Umstände und weiterer Problem- und Belastungssituationen ziehen sich Betroffene zurück und werden untätig. Hierdurch spitzt sich die Situation in den Familien dramatisch zu. Es entsteht auch innerhalb der Familien zwischen den unterschiedlichen Generationen eine Kommunikationslosigkeit. Viele dieser Menschen sind Frauen, die in der Türkei und in den arabischen Ländern eine so genannte „Import-Ehe“ eingegangen sind. Die Frauen kommen mit großen Hoffnungen und Träumen nach Deutschland. Die Hoffnungen erfüllen sich jedoch nicht. Laut Statistik scheitern ca. 80 Prozent dieser Ehen nach längstens 10 Jahren. Oft leben diese Frauen und Männer nach der Scheidung unter sehr dramatischen Bedingungen. Sie sind isoliert und verfügen kaum über Sozialkontakte sowie Sprachkenntnisse. Viele haben keine Chance, ihre Erfahrungen auszutauschen und ihre Enttäuschungen zu verarbeiten. Die große Mehrzahl der Frauen und auch viele Männer leiden unter psychosomatischen Störungen. Ärzte und Psychologen werden aufgesucht; die Frauen und Männer gerade der älteren Generation erhalten häufig nicht die angemessene Hilfe, da sie sich nicht hinreichend erklären können. Die Situation der Isolation betrifft in Neukölln nicht nur die Gruppe der Einwanderer sondern auch Deutsche, die geschieden, arbeitslos, alt, arm oder aufgrund sonstiger Umstände in Isolation leben.

Ein erheblicher Grund für diese Entwicklung ist die fehlende Kommunikation zwischen den Generationen sowie zwischen Einwanderern und Deutschen. Um diese herzustellen, kommen seit Januar 2009 Deutsche und Einwanderer aus vier Generationen (Großeltern, Eltern, Jugendliche und Kinder) zusammen und reden über ihre Probleme im Alltag, bei der Erziehung, Bildung, im Beruf, in der Schule und im Ruhestand.

Um diese Menschen zu erreichen und untereinander in Kommunikation zu kommen, führt der Verein Aufbruch Neukölln e.V. seit Januar 2009 erfolgreich das Projekt „Unser neues Dorf“ als Pilotprojekt durch, das gerade dieser Sprachlosigkeit und Isolation der unterschiedlichen Generationen und Nationen entgegenwirkt. Der Name des Projektes „Unser neues Dorf“ beschreibt eine neue „Neuköllner Gemeinschaft“ gleich einem sozialen Netzwerk von Deutschen und Migranten aller Generationen. Hierbei wird darauf geachtet, nicht eine abgeschottete Dorfgemeinschaft entstehen zu lassen, sondern bewusst alle Nationen und Generationen zu erreichen. Der Entstehung bzw. Verfestigung von Parallelgesellschaften wird durch das Projekt entgegengewirkt.

Es zeigt sich, dass gerade an neutralen Orten unter Anleitung von Pädagogen sich die Kommunikation in der Familie zwischen den Generationen und Nationen verändert und offener über die notwendigen Lösungen gesprochen werden kann. Aus dieser Kommunikation entstehen bedarfsgerechte Hilfeangebote wie z. B. soziale und familiäre Beratung, Sprachkurse, Hausaufgabenhilfen, gemeinsame Veranstaltungen zwischen Migranten und Deutschen, Kochkurse, Hilfen bei der Erziehung und in der Schule, Lebenshilfeangebote und die Vermittlung zu weiteren Angeboten anderer Organisationen und Träger in Neukölln.

Ziel ist es, unter Einbeziehung von Spezialisten anderer Organisationen und gemeinnützigen Vereinen bedarfsgerechte Hilfeangebote aus einer Hand anbieten zu können. In Gesprächsrunden und Veranstaltungen zu praxisrelevanten Themen werden die Neuköllner verschiedener Generationen und Nationen sensibilisiert und lernen, offen über ihre Situation zu berichten. Durch diese Gespräche lassen die Menschen ihre Seelen sprechen. Der Kontakt zu den Teilnehmern erfolgt über die Schulen, Kitas, interkulturell arbeitende Träger, über Lebensberatungsangebote und Informationsveranstaltungen zu wichtigen Themen. Im Rahmen dieser Veranstaltungen lädt der Verein Spezialisten ein, die den Teilnehmern ihre Erfahrungen und Ratschläge den Menschen vermitteln und so einen wichtigen Beitrag zur gegenseitigen Kommunikation leisten. Diese Spezialisten sind z. B. Jugendrichter, Schulleiter, Sozialarbeiter in den Bereichen Drogenbekämpfung, Integrationshelfer, Stadtteilmütter, Familienhelfer, Polizisten, Ärzte, Unternehmer, Psychologen und weitere Fachkräfte mit speziellen Erfahrungen in den für die Menschen relevanten Bereichen. Wir sprechen über die Geschichte der Migration und grundlegende Informationen über Deutschland. Nicht zuletzt unterhalten wir uns über Begriffe wie Ehe und Familie sowie sogenannte “Ehrenmorde” und Stolz