b1 92017Der türkischstämmige Psychologe Kazım Erdoğan vom Verein "Aufbruch Neukölln" (picture-alliance / dpa / Florian Kleinschmidt)

Er betreibt seit zehn Jahren die erste Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer in Berlin-Neukölln und kämpft unermüdlich auch aus dem Ruhestand für die Bewohner seines Viertels. Nun erscheint ein Buch über den Psychologen und Sozialarbeiter Kazım Erdoğan.

"Sprecht frei, sprecht ohne Angst; es ist keine Schwäche, über Probleme zu reden." Mit diesem vertrauensvollen Appell versucht Kazım Erdoğan türkischstämmige Männer zum Reden zu bringen. "Aufbruch Neukölln" heißt der von ihm gegründete Berliner Verein, unter dessen Dach vor zehn Jahren die erste Männergruppe startete. Sie machte den 1953 in der Türkei geborenen Psychologen und Sozialarbeiter weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Britta Bürger erzählte er von seinen ersten Erfahrungen in Deutschland, warum er mit Worten wie "Bildungsferne" und "Integration" nicht mehr viel anfangen kann – und was er über seinen Namensvetter, den türkischen Präsidenten, denkt.

Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit

100 Mark in der Tasche, kein einziges deutsches Wort im Gepäck – so kam Kazım Erdoğan im Winter 1974 aus der Türkei nach Deutschland. Beim Kauf der Zugfahrkarte nach Westberlin half ihm ein Landsmann. Damals nahm sich der 21-Jährige vor: "Solltest du jemals in der Lage sein, anderen Menschen helfen zu können, zögere nicht eine Sekunde. Das war die Geburt meiner ehrenamtlichen Tätigkeit, meiner Arbeit. Und ich bin sehr stolz darauf – auch nach 43 Jahren –, dass ich das machen darf."

Geboren wurde Kazım Erdoğan 1953 in dem türkischen Dorf Gökçeharman, er hat sieben Geschwister. Da der Vater bei der Bahn beschäftigt war, durften die Kinder aufs Internat. Zunächst litt er als kleiner Junge unter der Trennung von der Familie. "Jetzt, im Nachhinein, kann ich fünf-millionenfach meinen Eltern dankbar sein, dass sie mir diese Möglichkeit gegeben haben und sich nicht für das Dorfleben entschieden haben. Hätten sie das damals gemacht, hätte ich wahrscheinlich auf dem Dorf als Analphabet leben müssen."

"Sicher ist man nie"

Er nutzte seine Chance, studierte Psychologie an der Freien Universität in Berlin, arbeitete als Hauptschullehrer, anschließend als Schulpsychologe.

Vor zehn Jahren gründete Kazım Erdoğan die erste Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer in Berlin-Neukölln. Hier treffen sich Männer aus unterschiedlichen Generationen: Großväter ebenso wie junge Männer, die ihre tradierte Rolle überdenken wollen, aber auch so genannte Import-Bräutigame, die Probleme mit ihren hier sozialisierten Frauen haben. Sein Ziel: Die Männer zum Reden auch über Privates zu bringen – in der Türkei ein Tabu.

"Der Hauptschlüssel ist, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, dass man sich als Familienmitglied fühlt. Und wenn man das tut, dann öffnet man sich wie eine Tulpe aus Istanbul, ganz schnell."

Für sein jahrelanges Engagement wurde "Süpermann" Erdogan von Bundespräsident Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Erdoğan blickt mit wachsender Sorge in die Türkei. Niemand könne wissen, was der nächste Tag bringt. Dennoch will er weiterhin seine mittlerweile 90-jährige Mutter und seine Geschwister besuchen. "Sicher ist man nie. Ich war vor drei Wochen da, niemand hat mir etwas getan; aber das kann sich schon, wenn ich im Oktober hinfahre, ändern. Das hängt davon ab, wie die Kreise hier funktionieren. Was wird der Regierung mitgeteilt, wer wird denunziert? All das wissen wir nicht." 

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